Mexiko-Lexikon: Tú y Usted - Die Tücken mit dem Siezen und Duzen

Manchmal hängt das Du davon ab, wie viele Tequilas man getrunken hat. Aber am nächsten Morgen kann das schon wieder vergessen sein (Karikatur: Algonquin)

Mexiko-Stadt, 13. Februar 2016  - Im Deutschen ist die Sache mit dem Sie und Du glasklar: Wir siezen uns, bis Sie mir eines Abends unter dem Tresen vertraulich zuzwinkern und lallen: „Ich bin übrigens der Alfred.“ Dann stoßen wir an und besiegeln eine Blutsbrüderschaft fürs ganze Leben. Zugegeben, auch im Deutschen ist die Sache mit dem Du heute gleichzeitig entspannter und unklarer geworden. Aber so undurchschaubar wie in Mexiko wird es wohl nie werden.

Nachdem meine Verwirrung über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist, drängt sich mir die Vermutung auf, dass die Mexikaner selbst nicht so genau wissen, wie das mit dem tú und Usted funktioniert. Es kann Ihnen zum Beispiel passieren, dass der Nachbar, der Sie gestern Abend auf dem Parkplatz vor dem Haus noch freundlich geduzt hat, Sie am Morgen darauf im Treppenhaus mit einem frostigen Usted anredet. Vielleicht hat er Ihnen das tú entzogen, weil seine Frau ihm abends von ihrem Verdacht erzählt hat, dass Sie Ihre Katze zum Pinkeln in ihren Blumenkübel schicken – sowas regelt man heute nicht mehr mit der Machete, sondern mit zivilisierter Verachtung. Vielleicht hat er auch einfach vergessen, dass er Sie dutzt. Oder er war noch nicht richtig wach und hat gar nicht mitbekommen, dass er Sie gesiezt hat. Aber wahrscheinlich ist es ihm einfach wurst. Die Mexikaner machen schließlich nicht so ein Gewese um das tú, da kann man schon mal ein bisschen mit den Formen jonglieren – selbst mitten im Satz.

Als guter Deutscher habe ich im Laufe der Jahre versucht, ein paar Regeln zu entdecken. Aber das ist gar nicht so einfach. Unbekannte werden erstmal gesiezt. Es sei denn, man duzt sie gleich. Im Laden, in der Apotheke, auf der Straße – auf die Nase kommt es an. Oder auf die Mondphase. Oder darauf, wie viele Tequilas Sie gestern Abend zu den Tacos getrunken haben. Alte Leute siezt man allerdings grundsätzlich, und wenn sie noch so nett sind und einen mit tú anreden. In Mexiko hat man Respekt vor dem Alter. Das gilt auch für die Schwiegereltern. Wobei ich meine duze, weil mir anfangs nicht klar war, dass man, wenn man geduzt wird, nicht unbedingt zurückduzt – ups, damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber den Chef siezt man ja auch grundsätzlich, selbst wenn der einen penetrant duzt. Die Putzfrau und andere Dienstleister duzt man dagegen penetrant und erwartet, dass sie einen gefälligst siezen. Das kommt noch aus Zeiten der Hacienda und ist Teil einer Arbeitskultur, für die man anderswo die Menschenrechtskommission alarmieren würde.

Das tú ist nämlich nicht nur ein Zeichen des freundschaftlichen Umgangs, wie man als unbedarfter Westeuropäer gern meint: Es gehört genauso zum Handwerkszeug des Gutsherrn wie Sporen und Peitsche. Aus dieser Zeit haben sich noch ein paar andere wichtige Regeln gehalten: Das tú ist für alle, die dunkelhäutiger und kleiner sind als man selbst. Oder einen schlechteren Schulabschluss haben. Oder ein kleineres Auto fahren. Oder gleich zu Fuß gehen. Oder vor dem Schreibtisch knien, hinter dem man sitzt.

Auf dem Amt wurden die Bürger früher geduzt, weil sie Bittsteller waren, und heute duzt man sie, um Bürgernähe zu demonstrieren. Wobei das tú in der Praxis nicht in beide Richtungen gilt, weshalb Finanzbeamte die Bürger duzen, während die Bürger die Finanzbeamten siezen. (Damit dürfen sich die Steuerzahler als die peones fühlen, die sie nunmal sind. Das Finanzamt heißt nicht umsonst hacienda). Auch Polizisten reden einen gern mit einem tú an, das man lieber nicht erwidert, zumal wenn das Auto schon am Haken des Abschleppwagens hängt und man feilschen muss, um es wieder herunterzubekommen. „Haben Sie doch Erbarmen oficial, meine Frau liegt im Krankenhaus, meine Kinder müssen an der Ampel Scheiben putzen, mehr als tausend Pesos kann ich Ihnen wirklich nicht geben!“ Ob das mit dem tú billiger würde?

Allerdings habe ich den Verdacht, dass ich als Deutscher das Thema ein bisschen zu verkniffen sehe. Im Grunde muss mich das alles gar nicht belasten. Als Ausländer weiß ich’s nicht besser und genieße Narrenfreiheit. Machen Sie’s also, wie du lustig bist. Es passt schon. (dmz/jn/hl)

Dieser Text stammt aus dem Buch Mexiko: Ein Länderporträt von Jürgen Neubauer. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors. Bestellen Sie das Buch bei Amazon.

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