Zoff um 158 konfiszierte Hunde in Tepoztlán: „Wir sind Dora“

 

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Das Ministerium für Soziale Entwicklung von Morelos hat Fotos der beschlagnahmten Hunde veröffentlicht (Foto: Facebook)

Von Herdis Lüke

Tepoztlán/Cuernavaca, 16. Dezember 2016 - In Tepoztlán, diesem magischen Ort am Fuße der gleichnamigen Kordilleren südöstlich von Mexiko-Stadt, gibt es derzeit ziemlichen Krach. Nicht wegen der fast alltäglichen Böller. Fast 160 Hunde ließen die Behörden aus dem Wohnhaus der Besitzerin in ein Tierheim in eine andere Gemeinde bringen. Seitdem herrscht Krieg in den diversen Facebook-Gruppen des Städtchens.

Señora Dora ist eine ältere Dame, die ein ungewöhnlich großes Herz für Hunde hat. Wo auch immer sie auf einen Straßenhund trifft, rettet sie ihn. Ihr Haus liegt im alten Ortsteil Santo Domingo, mit Alteingesessenen als Nachbarn, auch den einen oder anderen Gutbetuchten, der hier sein Anwesen hat, daunter angeblich auch der Sohn des Gouverneurs des Bundesstaats, Graco Ramírez. Sie sind stinksauer, und das seit Jahren.

Der Gestank sei bestialisch, der Hundekot werde gelegentlich mit trockenen Blättern verbrannt (und die Kotpartikel in die Luft geschleudert); meistens aber würden die Exkremente zusammen mit dem Urin  mit Wasser auf die Straße geschüttet, von wo die stinkende Brühe in den nahen Fluss Atongo fließe. „Vom Gebell und Jaulen Tag und Nacht ganz zu schweigen“, erklären mehrere Anwohner in einem von der Regierung geposteten Video auf Facebook.

Seit mehr als zehn Jahren hätten sie immer wieder an die Dame appelliert. Eine Nachbarin erklärt, dass ihre Enkel nicht mehr bei ihr sein können, weil sie ständig unter Magen-Darm-Erkrankungen gelitten hätten. Mehrfach hätten sie sich in all den Jahren an die lokalen Behörden gewandt. Nur einmal hätten diese auch reagiert. 2007 sei das gewesen, und damals habe Sra. Doras Mann sich verpflichten müssen, in Zukunft nicht mehr als vier Hunde im Haus zu haben.

Als die Behörden am Mittwoch, neun Jahre später, wieder zur Tat schritten, fanden sie in dem Haus nicht vier, sondern 158 Hunde vor. Begleitet von angeblich 80 bewaffneten Polizeikräften, die ihr Grundstück erstürmten, erschienen früh morgens Vertreter der zuständigen Umweltschutzbehörde von Morelos, darunter Veterinäre. Sie waren mit zwei Lkw vorgefahren, die vielen Käfige, die sie brauchten, hatten sie vorsorglich mitgebracht, wie auf Aufnahmen zu sehen ist.

"Hilfe! Hunde entführt!"

Der Aufschrei unter den Tier- und Menschenrechtsaktivisten in Tepoztlán ließ nicht lange auf sich warten. „Das ist illegal!“, „Entführung“, „Raub“, „Helft uns! Graco will die Hunde töten!“. Einige protestieren seitdem mit Plakaten vor dem Sitz der Umweltbehörde, in denen sie Graco Ramírez auffordern, „die geraubten Hunde lebend“ an Sra. Dora zurückzugeben, berichtet die Online-Zeitung zonacentronoticias. Ein Aktivist verfolgte die beiden Lkw ein Stück und dokumentierte den Transport. Aber bis zum Ziel hat es der Verfolger nicht geschafft. Jedenfalls konnte er nicht sagen, wohin die Hunde gebracht wurden.

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Protestierende Unterstützer von Sra. Dora machen Druck: "Graco, gib die Hunde wieder her", heißt es auf einigen Plakaten (Foto: Facebook)

Auf einer Pressekonferenz Stunden später in Cuernavaca wurde die Aktion von den Behörden begründet: Wegen der wiederholten Beschwerden der Nachbarn und aus Gründen der gesundheitlichen Vorsorge seien sie von der Gemeindeverwaltung von Tepoztlán aufgefordert worden, die Hunde abzuholen. Es habe Seuchengefahr bestanden, weil der Hundekot ja auch Fliegen anlocke, die wiederum Bazillen und Viren verbreiteten. Hinzu gekommen seien die Bedrohungen durch Zecken, die sich auf den Menschen übertragen und deren Bisse schwere bis tödliche Infektionen beim Menschen verursachen könnten. Außerdem seien die Tiere nicht optimal versorgt gewesen, auch wenn nur insgesamt drei wirklich als krank hätten eingestuft werden müssen.

Die von den Behörden gezeigten Bilder zeigen Reihen von Käfigen in zwei Etagen, Mengen von Hundekot im Hof des Hauses und Ableitung von mit Kot und Urin vermengtem Wasser auf die Straße.

„Das sind alles Lügen“, schimpfen die Verteidiger von Sra. Dora, die mit ihren Hunden Opfer von „staatlicher Willkür und Gewalt“ geworden sei. Sie rufen in Facebook zu Demonstrationen auf, posten ein Banner mit „Wir sind Dora“ und den Hashtag „#158Wir wollen unsere Hunde lebend“ in Anspielung auf die Ende September 2014 getöteten Studenten von Azotzinapa, was bei einigen Facebook-Lesern doch auf Irritationen stieß und den Zoff noch weiter anheizte. Bei Change.org wurde eine Unterschriftensammlung initiiert und ihre Anhänger egleiten Sra. Dora jeden Morgen zur Umweltschutzbehörde, um sie zu unterstützen und ihrer Forderung nach Rückgabe der Hunde Nachdruck zu verleihen. 

Bis zum Delegierten der Menschenrechtskommission in Morelos haben sie es geschafft, der ihre Klage offiziell aufnehmen musste. Inzwischen sind die von Unterstützern gedrehten Interviews mit Doña Dor dank der sozialen Medien auch im letzten Winkel der Republik angekommen. „Sie sind bewaffnet in mein Haus eingedrungen, haben meine Hunde gestohlen und entführt. Das sind meine Hunde, sie gehören mir“, protestiert die Dame in einem der Video-Interviews.

Wie der für das Thema bestimmte Regierungssprecher Sergio Martínez der DMZ bestätigte, sind die Hunde in einem Tierheim in der Gemeinde Xochitepec untergebracht. Dort würden sie artgerecht betreut und behandelt. Das Sozialministerium von Morelos präsentiert auf seiner FB-Seite entsprechende Fotos. Einige Unterstützer der resoluten Dame aus Tepoztlán bezeichnen diese Bilder als Lüge, weil niemand von ihnen überprüfen könne, ob das auch ihre Tiere sind. Alle Adressen, die ihnen genannt worden seien, seien falsch. Nun kann man darüber spekulieren, warum die Adresse nicht verraten wird: 158 Hunde aus einem Tierheim zu befreien, ist kein Kinderspielchen, weder für die Befreier noch für deren Wächter. Doña Dora jedenfalls hat bisher nicht bestätigt, dass das ihre Hunde sind - aber dementiert eben auch nicht.

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Sind das Hunde von Dora oder nicht? (Foto: Facebook)

In diesem Jahr bekommt sie ihre Lieblinge auf keinen Fall wieder. Laut Martínez muss Sra. Dora nun innerhalb von vier Wochen nachweisen, dass jeder einzelne Hund alle vorgeschriebenen Impfungen bekommen und seinen offiziellen Impfpass hat, außerdem, dass sie den halbjährlichen vorgeschriebenen Untersuchungen ihrer Schützlinge nachgekommen ist. Dem Regierungssprecher nach hat sie keine entsprechenden Papiere vorweisen können. Für Tierheime in Wohngebieten gebe es auch keine Zulassung. Nach den vier Wochen werde entschieden, was mit den Hunden geschehen soll. Wahrscheinlich würden die meisten zur Adoption freigegeben. In ein paar Tagen beginnen die Weihnachtsferien, schon jetzt wird kaum noch gearbeitet. Die Zeit wird knapp für Doña Dora.

Facebook: Bühne der menschlichen Gemeinheiten

Mehr als 100 Leute zoffen sich also seit Mittwochvormittag ununterbrochen in den verschiedenen Facebook-Gruppen von Tepoztlán. Beleidigungen und Beschimpfungen von Unterstützern Doras und ihrer Hunde gegen jene, die die Problematik analysieren und schlichten wollen, persönliche Animositäten zwischen Einzelnen: Das soziale Netzwerk als Bühne der menschlichen Widerwärtigkeiten und Gemeinheiten.

In den ersten 24 Stunden nach der Aktion kommt nur eine einzige konkrete Antwort: „Ich helfe mit homöopathischen Medikamenten.“ „Ich verteile Flugblätter“, „ich rede mit Graco“, „ich organisiere Demonstrationen“ verkünden andere stolz. Sprachlos lässt einen der Aufruf einer Frau: „Lasst uns die Nachbarn vertreiben!“. Sie hat zahlreiche „Likes“ bekommen. Am Freitag melden sich schließlich Tiermediziner und Experten mit konkreten Lösungsvorschlägen. 

Das Gesetz des Volkes

Der Zoff in den Facebook-Gruppen offenbart einen Konflikt, der nichts mit den aktuellen Geschehnissen zu tun hat. Es geht hier um die Einheimischen (Tepoztecos) unter den Mitgliederb gegen die Zugezogenen (Tepoztizos). Letztere sind nur solange gelitten, wie sie Meinung der Einheimischen teilen. Kritik wird nicht gerne geehen.

„In Tepoztlán gilt das Gesetz der Traditionen und Bräuche, und wenn dir das nicht passt, dann geh dahin, wo du hergekommen bist. Wir können hier machen, was wir wollen.“ Dass das so ist, lässt sich vielfach erleben, nicht nur auf Facebook. Ob Verkehrs- oder Einbruchsdelikte, Vandalismus oder Schlägereien: selten wird ein Tepozteco zur Verantwortung gezogen. Die Polizei rekrutiert sich aus Einheimischen, und darin mag auch die Ablehnung von Tepoztlán des allgemein umstrittenen „Mando Único“ begründet sein (die Polizei in Morelos untersteht seit 2013 dem Ministerum für Sicherheit, womit die lokalen Gemeindepolizeien abgeschafft werden sollten, in Tepoztlán wurde der Mando Único erst im vergangenen Februar eingeführt, Anm. der Redaktion).

Seien es wie jetzt die Hunde, die Nerv tötenden und für Hunde besonders schlimmen Böller, die bei jeder Gelegenheit in den Himmel geschossen werden, teilweise extremer Lärm bei privaten Festen, Müll, der einfach auf die Straße geworfen wird, oder die Unmengen an Alkohol, die Wochenende für Wochenende auf den Straßen jungen Tagestouristen aus Mexiko-Stadt ausgeschenkt werden, auch wenn das verboten ist: „Halten Sie den Mund. Ziehen Sie doch einfach weg!“, wird jenen Zugezogenen rigoros beschieden, die es wagen, aufzumucken. Schon einmal hat Tepoztlán deswegen seinen Status als „Pueblo Mágico“ verloren.

„Tepoztlán für die Tepoztecos“

Ein weiterer Konflikt, der heftig in den Gruppen ausgetragen wird, sind Hotelneubauten und ganz besonders der geplante Ausbau des mautpflichtigen Autobahnzubringers von Tepoztlán nach Cuernavaca beziehungsweise Mexiko-Stadt auf vier Spuren. Die liberalen, weltoffenen Einheimischen sind dafür, weil sie die Autobahn brauchen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Jeden Tag, zu jeder Tageszeit, tuckern schwere Trucks über den zweispurigen Streckenabschnitt. Es sind nur acht Kilometer, aber hier häufen sich schreckliche Verkehrsunfälle, weil Autofahrer die Geduld verlieren und in unübersichtlichen Kurven überholen. Die Gegner führen an, dass durch die Fahrbahnerweiterung das Ökosystem zerstört und archäologische Reste aus vorspanischer Zeit unwiderruflich verloren gingen. Viele von ihnen würden Tepoztlán am liebsten wieder ins Zeitalter der Pferde zurückführen und für sich alleine behalten: „Tepoztlán para los Tepoztecos“ (Tepoztlán für die Tepoztecos).

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Die Einheimischen von Tepoztlán sind stolz auf ihre Traditionen. Senioren sind in die Gemeinschaft integriert (Foto: Herdis Lüke)

Einige betuchte Mexikaner, Künstler und Intellektuelle aus Mexiko-Stadt, aber auch zahlreiche Europäer, besitzen schöne Anwesen in Tepoztlán; sie mischen sich nicht unters Volk und bleiben lieber unter sich.

Unter den Zugezogenen sind viele jungen Leute aus aller Welt, die glauben, dass die Berge von Tepoztlán magische Kräfte haben. Schamanen, echte und unechte, machen gute Geschäfte mit ihren Ritualen, bei denen auch der „bewusstseinserweiternde“ Peyote-Kaktus konsumiert wird. Sie versprechen Heilung von Wohlstandskrankheiten, Rückkehr in die Mitte ihres Seins, andere lesen die Aura eines Menschen; es werden Massagen geboten, die (psychische) Blockaden lösen, man kann sich aus Engels- oder Tarotkarten das Schicksal lesen lassen und auf der Pyramide des Tepozteco „Energien tanken“ (dabei kann man froh sein, wenn man voller Energie wieder unten im Ort ankommt, aber das nur am Rande). Die meisten dieser jungen Leute bleiben nicht lange, die einen gehen, die anderen kommen. 

Und dann gibt es jene Fremden, die bleiben, weil sie das Klima, die herrliche Landschaft und die Idylle lieben, die Tepoztlán so liebenswert machen, auch wenn das für viele von ihnen nur von Montag bis Donnerstag gilt, wenn sie auf authentische, überaus gastfreundliche und hilfsbereite Einwohner treffen. Oder bei Festen wie den vorweihnachtlichen Posadas. (dmz/hl)

 

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