Mexiko trauert um Rafael Tovar y de Teresa – bedeutendster Kulturförderer der Gegenwart

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Mexikos erster Kulturminister Rafael Tovar y de Teresa ist im Alter von 62 Jahren gestorben (Foto: Conaculta)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 11. Dezember 2016 – Er hatte sein Leben der Kultur und der Kulturpolitik verschrieben: Rafael Tovar y de Teresa. Am Wochenende starb der erste Kulturminister Mexikos im Alter von 62 Jahren. Mit ihm verliert Mexiko den bedeutendsten Kulturförderer der Gegenwart. In einer großen Trauerfeier im Centro Nacional de las Artes (Cenart) nimmt Mexikos Kulturwelt am Montagnachmittag Abschied von Tovar y de Teresa.

Am Sonntagabend wurde der Leichnam des Kulturministers im kleinen Familienkreis eingeäschert. Zur Urnenbeisetzung in der Familiengruft auf dem Französischen Friedhof erschienen einige seiner engsten Weggefährten, darunter Schriftsteller wie María Luisa la China Mendoza, Guadalupe Loaeza, Eduardo Lizado und Jorge Volpi, außerdem die derzeitige INBA-Chefin María Cristina García Cepeda, Mexikos Außenministerin Claudia Ruiz Massieu, Wirtschaftsminister Ildefonso Guajardo sowie José Narro Robles, Ex-Rektor der UNAM und jetziger Gesundheitsminister.

Zur Hommage am Montagnachmittag im Cenart werden Präsident Enrique Peña Nieto und sein gesamtes Kabinett erwartet. Schon am frühen Vormittag füllte sich das Gelände dieses modernen, von Tovar y de Teresa gegründeten Musentempels mit zahlreichen Menschen, darunter einige Journalisten, die ihn auf seinem Weg begleitet haben, Freunde und zahlreiche Anhänger, die hofften einen Sitzplatz im Auditorium zu erhalten.

Rafael Tovar y de Teresa wurde am 4. April 1954 in Mexiko-Stadt geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universidad Autónoma Metropolitana und an der Sorbonne in Paris, wo er danach noch politische Wissenschaften studierte. Vor genau einem Jahr wurde Tovar y de Teresa von Präsident Enrique Peña Nieto zum Kulturminister des Landes ernannt. Der Diplomat, Historiker und Schriftsteller war zweimal Präsident des Nationalrats für Kultur (Conaculta), von 1992 bis 1999 und von 2012 bis Dezember 2015. Auf seine Initiative und unter seiner Ägide ist der Kulturrat in ein Kulturministerium umgewandelt worden.

Zusammen mit dem Goethe-Institut und der deutschen Botschaft in Mexiko und der mexikanischen Vertretung in Berlin bereitete er das Deutsch-Mexikanische Jahr vor, das im Frühsommer begonnen hat. Schon bei der großen Presseveranstaltung zum Deutschlandjahr im vergangenen April war Rafael Tovar y de Teresa schwer von seiner Erkrankung und der Chemotherapie gezeichnet. Er litt unter einer seltenen Blutkrebsart, dem Multiplen Myelom.

Zur Eröffnung des Deutschlandjahres mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Juni im Palast der Schönen Künstler sah Tovar y de Teresa schon wieder erholt aus.  Zum letzten Mal sah man ihn öffentlich am 19. Oktober bei einer Ausstellungseröffnung in der Präsidentenresidenz Los Pinos. Trotz seiner schweren Krankheit arbeitete der Minister noch bis vor zwei Wochen, voller Ideen und Projekte, wie der Sprecher des Kulturministeriums, Miguel Ángel Pineda, erklärte, „und voller Elan“.

Im Laufe seiner 30jährigen Karriere bekleidete der charismatische und als geistreicher Redner und Gesprächspartner geschätzte Minister mehrere bedeutende Ämter in der mexikanischen Kultur, u. a. als Direktor des Nationalinstituts der Schönen Künste (Instituto Nacional de Bellas Artes, INBA). Von 2011 bis 2007 vertrat er sein Land als Botschafter in Italien.

Mexikos Kulturschaffenden haben Rafael Tovar y de Teresa nicht nur das Cenart zu verdanken, das mit seinem Park an der Av. Churusbusco jedes Wochenende zahlreiche Familien anlockt, um hier zu entspannen oder gar ein Picknick zu veranstalten. Auf Tovar y de Teresa ist auch der Kulturfonds Fonca (Fondo Nacional de Cultura y las Artes) zurückzuführen, aus dem Künstler und Kulturschaffende, aber auch einzelne Projekte finanziell unterstützt werden. Auf ihn gehen auch die Fonds für Filmschaffende Foprocine und Fodocine, das Nationale Musikförderungssystem sowie das Programm zur Unterstützung der (kulturellen) Infrastruktur der Bundesstaaten (PAICE) und der öffentliche Fernsehkanal 22 zurück.

Die neue Sicht auf Porfirio Díaz

Als Kulturexperte mit Vision schrieb er mehrere Fachbücher, darunter „Modernización y política cultural“ (Fondo de Cultura Económica 1994, übers.: Modernisierung und Kulturpolitik). Seine große Leidenschaft als Autor galt jedoch einer über Jahrzehnte in Mexiko verhassten Figur: Porfirio Díaz (1830-1915), dessen dreißigjährige Regierungszeit 1911 endet. So ist das Schicksal einer reichen mexikanischen Familie, die mit dem Ende des Porfiriats vor dem Nichts steht, Thema seines ersten Romans „Paraíso es tu memoria“ (Alfaguara, 2009, frei übersetzt: Das Paradies ist deine Erinnerung). Schon ein Jahr später folgt sein historiographisches Buch „El último brindis de Don Porfirio“ (Taurus, frei übersetzt: Der letzte Prost von Porfirio Días),  in dem er das Leben des Expräsidenten und die Organisation der Feiern zum 100. Unabhängigkeitstag am 15. September 1910 beschreibt.

In seinem dritten, 2015 veröffentlichten Buch „De la paz al olvido. Porfirio Díaz y el final del mundo“ (Taurus, frei übersetzt: Vom Frieden zum Vergessen und das Ende der Welt) geht Tovar auf Persönlichkeiten aus dem Porfiriat ein und auf die führenden europäischen Politiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts; es beschreibt die Umstände und die Zeit, in denen Díaz 1911 im Exil in Paris empfangen wird und wie er sich aus der Ferne mit Mexiko auseinandersetzen muss.

„Ich glaube, Díaz ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Geschichte, die noch nicht ausreichend erforscht ist. Es liegt noch viel Information in Archiven und es gibt noch viele private Korrespondenz, die geöffnet werden muss, um ihn besser zu verstehen“, sagte Tovar letztes Jahr auf der Buchmesse in Guadalajara.

Rafael Tovar y de Teresa galt als integer, ehrlich, immer um sein Budget besorgt, als charmanter und belesener Redner und Gesprächspartner. Stets elegant gekleidet, war er mit seiner grauen Löwenmähne und seinen starken Augenbrauen eine charismatische Persönlichkeit, um die in Mexiko viele Menschen trauern.

Er habe noch lange nicht ans Aufhören gedacht, der Krebs sei jedoch schneller gewesen, sagte sein Sprecher. Er hinterlässt seine zweite Ehefrau Mariana García Bárcena und ihre beiden gemeinsamen Töchter Natalia und María sowie Sohn Rafael und Tochter Leonora aus erster Ehe mit Carmen Beatriz López Portillo.

Sein Nachfolger an der Spitze des Kulturministeriums steht noch nicht fest. Im Gespräch scheint der Direktor der Internationalen Buchmesse in Guadalajara (FIL), Raúl Padilla,  zu stehen, der kurz nach Tovars Tod in die Präsidentenresidenz gerufen wurde. (dmz/hl)

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