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Panorama

Ausländerfeindliches Plakat in Mexiko-Stadt: „Haut ab“ – Digitale Nomaden im Visier

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Dieses ausländerfeindliche Plakat in der Colonia Roma wurde zuerst über TikTok verbreitet und ging dann viral. (Foto: Twitter @sassysofy)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 16. Juni 2022 – Eigentlich sind Ausländer in Mexiko immer willkommen. Aber seit der Corona-Pandemie wird das Land von digitalen Nomaden aus aller Welt regelrecht überlaufen. Auch viele Deutsche verlegen ihr „Home Office“ nach Mexiko – das Leben ist hier „billig“, hier gibt es keine strengen Corona-Regeln und die Mexikaner sind sehr tolerant.

Aber die Stimmung schlägt um. Nicht nur in den Hot Spots entlang der Riviera Maya an der Karibikküste, in Oaxaca und Chiapas im Süden von Mexiko. Wohnen wird zunehmend teurer. Für die Mexikaner bedeutet das, dass sie aus ihren angestammten Wohnvierteln verdrängt werden, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können.

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Das gilt besonders für Mexiko-Stadt, wo die beliebten Stadtteile Condesa sowie Roma Sur und Roma Norte Preise erreicht haben, die Einheimische nicht mehr bezahlen können. Mieten zwischen umgerechnet 1000 und 1500 Euro für eine Dreizimmer-Wohnung gelten für Ausländer noch als bezahlbar, vor allem, wenn sie sich eine Wohnung teilen. Aber für Mexikaner sind solche Mieten schwer zu wuppen, selbst wenn sie sich mit mehreren zusammentun. Hinzu kommt, dass viele Wohnungsbesitzer lieber an Ausländer als an ihre eigenen Landsleute vermieten – was kein Wunder ist. Ausländer zahlen mehr.

Jetzt sorgt ein anonym aufgehängtes ausländerfeindliches Plakat für Wirbel, das vor ein paar Tagen in der Colonia Roma entdeckt und von einer TikTok-Nutzerin verbreitet wurde. Darin heißt es:

„NEW TO THE CITY? WORKING REMOTLY? YOU’RE A FUCKING PLAGUE AND LOCALS FUCKING HATE YOU: LEAVE”

Übesetzt heißt das: „Bist du neu in der Stadt? Arbeitest du remote? Du bist eine verdammte Plage und die Einheimischen hassen dich. Hau ab.“  Das Plakat ging viral und löste eine hitzige Diskussion in den sozialen Medien aus. Auf TikTok war auch ein Video zu sehen, in dem  ein Nutzer mit mehr als 100.000 Anhängern auf TikTok, aus einer Taquería berichtet, in der bevorzugt Ausländer bedient und Mexikaner abgewiesen würden. Er fragte seine Anhänger nach ihrer Meinung und löste damit eine ernste Diskussion aus, die es bei TikTok noch nie gegeben hat. Erstmals ging es nicht ums Dating, Tanzen und Trends.

Luis Alberto Salinas, Forscher am Geographischen Institut der UNAM, definiert Gentrifizierung als einen Prozess, der für einen bestimmten Teil der Bevölkerung elitäre Räume auf Kosten anderer, einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen schafft. Sie erzeuge eine Konsumdynamik, die es in anderen Stadtteilen nicht gibt, mit hohen Lebenshaltungskosten, die Menschen mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen nicht bezahlen können. Dies habe zur Folge, dass Bewohner, die es sich nicht leisten können, in Gegenden wie Roma oder Condesa zu wohnen, an die Peripherie ziehen müssen.

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Die digitalen Nomaden sind Ausländer, die für mexikanische Verhältnisse viel verdienen und wenig ausgeben. Das ist an sich nicht das Problem, meinen die Nutzer. Jeder soll nach seinen Möglichkeiten leben – aber eben nicht die Einheimischen verdrängen, die schon immer hier gelebt hätten. Sie würden von Mexiko magisch angezogen, aber die Aussage, dass „Mexiko so billig ist“, fördere die Gentrifizierung erst recht. Folge: Steigende Preise für Mieten und Dienstleistungen.

Fremdenfeindlichkeit – ist der Zorn gerechtfertigt?

„Das Video soll versteckte Fremdenfeindlichkeit vermitteln, das ist klar“, meinte ein Nutzer, der auch bezweifelte, dass die digitalen Monaden hier Steuern bezahlen. Eine Frau schrieb: „Nur in Mexiko beschweren wir uns darüber, dass Ausländer kommen und ihr Geld ausgeben, ob es billig oder teuer ist, geht uns nichts an, CDMX ist riesig!” Ein anderer fragt sich, worüber sich die Leute in der Roma und Condesa beschweren, „diese Stadtteile waren schon immer voll.“ „Was mich stört, ist dass sie Ausländer, die barfuß laufen, verteidigen, ihnen sogar applaudieren und sie überall reinlassen, aber auf jemanden, der auf der Straße steht, herabsehen“, kritisiert eine Nutzerin die im Video festgehaltene Szene in der Taquería. Zwar sei es gut, dass die Tourismuszahlen stiegen, denn „die Leute kommen nicht nur zum Bummeln, sondern weil sie mit ihren Supergehältern hier gut leben können“.

Polanco und Santa Fé am teuersten

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Im Vergleich zum Vorjahr sind die Mietpreise in Mexiko-Stadt um knapp zehn Prozent gestiegen, so das Immobilienportal Vivanuncios.com.  Als Grund wird die gestiegene Nachfrage genannt.  Die durchschnittliche Miete für eine Wohnung mit drei Zimmern beträgt demnach im Durchschnitt 13.200 Pesos. Während der Pandemie waren die Preise leicht zurückgegangen oder stabil geblieben, so die Erhebung von Vivanuncios.

In der Erhebung des Immobilienportals werden die durchschnittlichen Wohnungskosten je Bezirk angegeben. Im Bezirk Miguel Hidalgo, zu dem zum Beispiel Polanco und San Miguel Chapultepec gehören, beträgt der durchschnittliche Kaufpreis für eine Wohnung 8,1 Millionen Pesos und 46.000 Pesos für die Miete.

Die Bezirke Cuajimalpa (Santa Fé) und Álvaro Obregón (u. a. San Angel, Chimalistac, San Jerónimo) gehören danach ebenfalls zu den teuersten: In Cuajimalpa beträgt der Preis für eine Wohnung zum Kauf 6,3 Millionen Pesos und 27.000 Pesos für die Miete; in Álvaro Obregón kostet eine Wohnung zur Miete durchschnittlich 19.600 Pesos und zum Kauf 5,9 Millionen.

Was die Stadtteile betrifft, so ist Polanco mit einem Mietpreis von 42.000 Pesos und einem Kaufpreis von 12,5 Millionen der teuerste. In der Condesa kostet eine Wohnung zum Kauf im Schnitt 7,9 Millionen Pesos, die Miete liegt bei durchschnittlich 24.900 Pesos. Zu den kommenden „In-Vierteln“ gehört auch die Colonia Narvarte mit einem Kaufpreis von 6,7 Millionen Pesos und einer Miete von 12.700 Pesos. Günstig sind noch Jardines de Balbuena, mit durchschnittlichen Kaufpreisen von 2,6 Millionen Pesos und 6.300 Pesos für Miete.

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Zu den Stadtteilen, die immer mehr an Beliebtheit gewinnen und in denen der Gentrifizierungsprozess voll im Gange ist, gehören die Colonia Tabacalera (rund ums Revolutionsdenkmal), die Colonia San Rafael und die Santa María La Ribera mit ihren Häusern im französischen Stil. Auch das Wohnen im Historischen Zentrum wird immer teurer, hier werden zahlreiche historische Gebäude in Lofts umgewandelt und alte Wohnungen luxusmodernisiert, die für die alteingesessenen Bewohner der Altstadt nicht mehr zu bezahlen sind.

Wenn man sich die Statistik von 2016 bis 2021 ansieht, die auf eine entsprechende Studie der Firma Intelimétrica zurückgeht, bekommt man eine Vorstellung von der rasanten Entwicklung der Preise. Danach verzeichnete Mexiko-Stadt bis Ende 2018 einen kumulativen Preisanstieg von 24 Prozent, aber seit Anfang 2019 und bis März 2021 einen kumulativen Rückgang von zehn Prozent. Die Preise blieben mit 20.000 Pesos pro Quadratmeter stabil. Inzwischen ziehen die Preise wieder an.

Die Firma untersuchte die Preisentwicklung in allen Bundesstaaten. Die Staaten mit den höchsten Preissteigerungen von 2016 bis 2021, sowohl bei Häusern als auch bei Wohnungen, sind Baja California (75 %), Nuevo León (61 %) und Jalisco (40 %), gefolgt von Querétaro (24 %) und Puebla (14 %). (dmz/hl)

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Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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