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Sport

Donovan Carrillo: Mexikos neuer Nationalheld erobert die Welt

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Donovan Carrillo: Sein umwerfender Charme und sein fröhliches Lächeln gehen seit seinem Auftritt in Beijing um die Welt. (Foto: Twitter)

Von Herdis Lüke

Beijing/Mexiko-Stadt, 10. Februar 2022 – Er hat kein Gold, kein Silber und auch keine Bronze gewonnen. Und trotzdem ist der junge mexikanische Eiskunstläufer Donovan Carrillo der Star der Olympischen Winterspiele in Beijing. Musik liegt ihm, wie jedem Mexikaner, im Blut, und so tanzt, springt und bewegt er sich übers Eis mit einer scheinbaren Leichtigkeit und Grazie, die seine Fans – und die mexikanischen Zeitungen – fast in Ekstase versetzen.

So viel Eis wie in dieser Woche bekamen die Mexikaner seit dem Disney-Film „Frozen“ vor fast zehn Jahren nicht zu sehen.  Nur wenige Wintersportler kamen so chancenlos nach China wie der 22-jährige aus Zapopan bei Guadalajara, der als erster lateinamerikanischer Läufer bei einer Olympiade in der Kür antrat. Carrillo ist der erste Eiskunstläufer in 30 Jahren, der sich für Olympische Winterspiele qualifiziert hat, und der erste, der es überhaupt ins Finale geschafft hat. Eine Sensation! Der letzte Eiskunstläufer aus Mexiko war Ricardo Olavarrieta bei den Olympischen Winterspielen 1992 im kanadischen Albertville.

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Donovan Carrillo ist in mehrerer Hinsicht eine Ausnahme. Denn er hatte nichts von dem, was andere junge Talente normalerweise haben: Genügend Geld, um einen Trainer bezahlen zu können, und eine Infrastruktur, wie es sie in Ländern mit klassischen Wintern gibt: Eine professionelle Eislauf-Arena. In Mexiko gibt es so etwas nicht, wer Schlittschuh laufen möchte, dem bleiben nur die kommerziellen Eislaufpisten in großen Einkaufszentren, über die jeder bei Musikdauerberieselung taumeln und tummeln kann. Und die Qualität des Eises ist dort auch nicht die beste.

„In den ersten Jahren meiner Laufbahn war das Fehlen finanzieller Mittel eines meiner größten Probleme, mit denen ich zu kämpfen hatte“, so Carrillo in einem Video-Interview, „es war schwierig, als Sportler zu trainieren, denn mein Sport ist teuer und der Zugang ist begrenzt, weil man ihn nicht in staatlichen Einrichtungen ausüben kann, sondern nur in privaten, was es so schwer macht“.

Donovan Carrillo stammt aus einer kleinen Mittelstandsfamilie, er hat eine ältere Schwester, die bei seinem späteren Trainer Gregorio Núñez, der dort arbeitete, Schlittschuh laufen lernte. Eines Tages, als er sie mit seinen Eltern abholte, fiel ihm ein anderes eislaufendes Mädchen auf, das seine Pirouetten drehte und ihn in den Bann zog. Um ihr nahe zu sein, wollte er auch Schlittschuh laufen. Irgendwann war er nicht mehr in das Mädchen vernarrt, aber in den Eiskunstlauf.

Das war kurz vor den Olympischen Winterspielen von Vancouver 2010, als er zum ersten Mal im Fernsehen die Eiskunstlaufwettbewerbe sah. In dem Moment wusste er, was er wollte. Von da an kannte er kein Halten mehr und trainierte und trainierte und trainierte – allen Widrigkeiten zum Trotz. „Wir haben einen Trainingsplan entworfen, der sich von dem eines Russen, Chinesen, Japaners oder US-Amerikaners unterscheidet, die nicht unter den Bedingungen wie ich in einem Einkaufszentrum trainieren müssen und wo die Pisten nicht mal olympisch sind“, beschreibt Carrillo seinen Weg in einem der vielen Video-Porträts über ihn.

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Fast vier Jahre lang trug Donovan Carrillo die Schlittschuhe, die er von seine Schwester Dafne geerbt hatte. Die ersten vier Paare, die er besaß, waren für Frauen. Seine Mutter brachte sie zu einem Schuster, der sie wenigstens schwarz färben konnte. Seine Eltern hatten kein Geld, um ihm ein eigenes Paar zu kaufen. Die Schuhe waren so groß, dass seine Füße darin rutschten. Schlittschuhe bestehen aus harten Lederschichten, die wehtun, besonders wenn sie neu sind. Seine ersten eigenen Schlittschuhe bekam er, nachdem die seiner Schwester gestohlen worden waren. Er bereitete sich auf eine nationale Meisterschaft vor, so dass ihre Eltern keine andere Wahl hatten, als die Tausende von Pesos teuren neuen Schuhe zu kaufen. Sie sind schwarz und von der kanadischen Marke Jackson – er bewahrt sie als den wertvollsten Schatz auf, den er je besessen hat, berichtete er in einem Interview mit dem Magazin „Proceso“.

Donovan Carrillo ist mit Rhythmus im Blut auf die Welt gekommen, das unterscheidet ihn nicht von seinen Landsleuten. Aber schon als kleiner Junge tanzte er zu allen möglichen Rhythmen, dabei inspirierten ihn die Lieder von Mexikos Superstar Juan Gabriel (1950-2016) genauso wie die Backstreet Boys. Er machte jede Choreographie nach, und die Pirouetten gelangen ihm so gut wie bei der Gymnastik, die er neben Turmspringen seit seinem dritten Lebensjahr praktizierte, bis der Eiskunstlauf buchstäblich seinen Weg kreuzte.

2013 schloss die Eislaufpiste in Guadalajara. Was tun? Er wollte unbedingt weitermachen, erzählt er in einem Video auf YouTube. So zog er mit seinem Trainer Gregorio Núñez nach León, Guanajuato, dem man eine Stelle als Eislauf-Lehrer in einem Einkaufszentrum anbot. Die Trainingsbedingungen waren zwar genau so schwierig wie zuvor in Guadalajara, denn abgesehen von der schlechten Qualität des Eises, war die Piste nicht so groß wie eine professionelle und Donovan musste immer aufpassen, dass er niemandem in die Quere kam und umfuhr.

Ohne seinen Trainer hätte es Donovan nicht geschafft. In den 14 Jahren seiner Lehrtätigkeit hat er jedes Jahr auf eigene Kosten Auffrischungskurse in den Vereinigten Staaten oder Kanada absolviert. Aber er hat sich in all den Jahren auch wie ein Vater um seinen Schützling gekümmert, der bei ihm in León auch sein zweites Zuhause gefunden hat. Vor allem für seine in Guadalajara zurückgebliebene Familie war die Trennung schwer zu verkraften, und die finanziellen Opfer, obwohl sein Trainer auf Honorar verzichtete, waren groß.

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Auch in der Schule hatte es Donovan nicht leicht, weil in Mexiko Eiskunstlauf bei Männern mit dem Vorurteil behaftet ist, dass sie Gay sind. Er wurde angefeindet, man lachte ihn aus, beleidigte und erniedrigte ihn. Bullying nennt man das Mobbing in Mexiko. Aber er ließ sich davon nicht unterkriegen.

Die Mühe hat sich gelohnt: Berühmt wurde er 2016 in Mexiko, als er kurz nach dem Tod von Juan Gabriel in einem typisch mexikanischen Outfit zum Rhythmus seines Hits „Hasta que te conocí“ (Bis ich dich kennen lernte) tanzte – was gar nicht mal als Hommage an den Künstler gedacht war, sondern weil seine Mutter das Lied so liebt. 2019 gewann er die Silbermedaille bei den Philadelphia International; er stand bei sechs ISU-Meisterschaften im Finale – zwei Weltmeisterschaften (2018 und 2021), drei Four Continents Champioships (2018-2020) und die Junioren-Weltmeisterschaften 2018. Er hat die beste Platzierung eines mexikanischen Eiskunstläufers bei einer Weltmeisterschaft erreicht und sich für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking qualifiziert, wo er zwei Auftritte aufs Eis legte, bei denen jedem Zuschauer in Mexiko der Atem stockte, erst recht im Finale, als er zweimal patzte und einmal stürzte.

Für seinen ersten Auftritt wählte Carrillo Rythmen seines Landsmanns Carlos Santana “Black Magic Woman” und „Shake it”, und für das Finale „Perhaps, Perhaps, Perhaps” (auf Englisch) von Carlos Rivera, ebenfalls Mexikaner, Dean Martins Klassiker „Sway” sowie „María” von Ricky Martin und Bailar von Elvis Crespo (beide aus Puerto Rico) und dem mexikanischen DJ Deorro. „Diese Lieder haben eine einmalige Energie und sie werden ein Meilenstein in meiner Eiskunstlauf-Karriere sein.”

Die Schwierigkeiten, mit denen er in seiner noch jungen Karriere zu kämpfen hatte, sieht er positiv: „Statt mich darüber zu beklagen, bin ich dankbar, denn es hat mich als Sportler wachsen lassen und ich hoffe, weiter zu wachsen“, sagte Donovan mit seinem entwaffnenden Lächeln in die Kameras am Ende seines Auftritts in Beijing.

Sein nächstes großes Ziel: Die Olympischen Winterspiele in Mailand 2026. Und dafür wird er sicherlich Sponsoren und hoffentlich auch offizielle Unterstützung seines Heimatlandes haben. Einen besseren Botschafter kann sich Mexiko nicht wünschen. Viel Glück, Donovan! (dmz/hl)

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Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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