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Meinung

Es leuchte der Heiligenschein

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“Los pájaras nos hacen la vida alegre” (Vögel machen uns das Leben froh) – ein Bild von Kiki Suárez 

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 13.Januar 2022 – Über ein weißes Blatt Papier gibt es auf den ersten Blick nicht viel zu sagen. Es ist unschuldig weiß und es ist leer. Da ist nichts, was man lesen oder interpretiere kann. Heute ist das Blatt Papier ein weißer Bildschirm von Word. Ist genauso leer wie ein Blatt Papier, außer dass man sich darin spiegeln und er uns blenden kann.

Jeder, der schreibt oder malt, kennt das. Der Kopf ist voller Gedanken, aber das Blatt oder der Bildschirm leer. In Zeiten von sozialen Medien wird viel geschrieben, bevor der Kopf überhaupt einen Gedanken zu Ende gedacht hat. Mehrheitlich leider sehr viel Mist, Unsinn, dummes Zeug. Da gibt es solche, die einem täglich fromme Sprüche schicken über Frieden, Liebe und Verzeihen. Sie halten sich für Heilige. Wenn alle es ernst damit meinten, dann lebten wir in einer wunderbaren Welt. Wir wissen, dass es nicht so ist. Denn hinter ihren Heiligenmasken verbergen sich sehr oft von sozialem Neid und Hass zerfressene Zeitgenossen.

Das ist vor allem bei Facebook zu beobachten. Da werden Mitmenschen niedergemacht, beleidigt oder gedemütigt dafür, dass sie sich gegen Covid-19 impfen lassen. Es gibt Leute, die meinen, alles besser zu wissen und die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Dabei können sie noch nicht mal die deutsche Rechtschreibung. Andere schimpfen über Zensur und eingeschränkte Meinungsfreiheit bei uns in Deutschland. Dabei zensieren sie selbst am meisten die Meinung anderer. Abgesehen davon, wenn es bei uns keine Meinungsfreiheit gäbe, dann könnten wir es gar nicht wagen, unsere Meinung überhaupt nur ansatzweise zu äußern. Siehe Myanmar, China, die Türkei, Russland oder Ungarn. Meinungsfreiheit bedeutet allerdings nicht, dass man seine Mitmenschen mit Beleidigungen oder Hasstiraden überziehen darf, wie das bei Facebook so oft der Fall ist, nur weil man eine andere Meinung hat.

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Das Internet ist in vieler Hinsicht ein Segen. Man kann sich über alles informieren und auch ausgesprochen nette, stilvolle und kluge Menschen kennen lernen und sogar Freunde und Gleichgesinnte finden. Sie sorgen täglich für wahre Lichtmomente. Dazu gehören die Kinesiologin Christa Ostertag, die mit ihren Therapien vielen Menschen hilft und sie in Coatepec (Veracruz) außerdem mit bestem Brot und Kuchen nach deutschen Rezepten erfreut, oder Nikolaus von Hoepken, hinter dem der Pädagoge Joachim Hepke (San Luis Potosí) steckt. Fast täglich beglückt er die Herzen seiner Mitmenschen mit gefühlvollen Gedichten und spricht manchem damit aus der Seele.

Mit viel  Freude und Interesse lese ich auch immer die Geschichten und Anekdoten, die die aus Hamburg stammende Malerin und Psychologin Kiki Suárez in San Cristóbal de las Casas schreibt (Kikimundo), wo sie seit Mitte der 1970er Jahre lebt.

Auch unter den Mexikanern gibt es großartige Zeitgenossen wie den Journalisten Carlos Ferreyra Carrasco. Seine tägliche Kolumne bei Facebook sprüht vor Witz und Humor, die ihm in die Tasten fließen, wenn er sich über die Regierung mokiert oder er Anekdoten aus seinem jahrzehntelangen Reporter-Leben auf dem gesamten amerikanischen Kontinent erzählt. Auch Kollegen wie Joel Santiago Hernández (Hojas de Papel Volando) geben einem das Gefühl (und die Hoffnung), dass die Menschheit noch nicht total verblödet oder verblendet ist.

Wir leben in schweren Zeiten, die Pandemie geht uns allen auf die Nerven, ob hier in Mexiko, in Deutschland und wo auch immer. Es ist traurig und deprimierend zu erleben, dass die Menschen gerade jetzt alles daransetzen, sich gegenseitig weh zu tun. Ich erlebe das auch hier in Cuernavaca, wo ich in einem paradiesischen Garten lebe. Die Wohnung ein Traum, die Anlage ein Traum. Alles ist voller Blüten. Und trotzdem gibt es auch hier Menschen, die die Atmosphäre mit ihrem Neid und ihrem Hass vergiften und Zwist säen – und über Facebook und WhatsApp täglich fromme Sprüche verbreiten, ob von Jesus oder Buddha. Mich hat das lange genug deprimiert und gelähmt. Lieber schreibe ich mit dieser Kolumne dagegen an – so lange mindestens, bis ich wieder ein weißes Blatt Papier mit Geschichten vollschreiben kann. (dmz/hl)

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Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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