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Massenschlägerei im Stadion von Querétaro: Gab es wirklich keine Toten?

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Selbst auf wehrlose Menschen wurde noch geschlagen und getren, wie dieses Foto zeigt. (Foto: Twitter/José Ramón Fernández)

Von Herdis Lüke

Querétaro, 6. März 2022 – Die Fotos und Videoaufnahmen sind erschütternd: Sie zeigen schwerverletzte Fußballfans, ein paar liegen leblos auf dem Boden, andere zeigen entfesselte Hoologans, die noch auf wehrlose, ohnmächtige Menschen eintreten, andere versuchen, sich mit ihren Kindern aufs Spielfeld zu retten, wo sich Fans beider Seiten weiter atackieren, ohne Rücksicht auf Unbeteiligte. Das Heimspiel der Gallos Blancos de Querétaro („Weiße Hähne aus Querétaro“) gegen den aus Guadalajara (Bundesstaat Jalisco) stammenden Fußball-Club Atlas endete am Samstag in einer Tragödie: Mindestens 26 Verletzte, darunter drei Schwerverletzte. Hartnäckig hielt sich auch am Sonntag das Gerücht, basierend auf Augenzeugen, dass es Tote gegeben hat. Der Gouverneur von Querétaro, Mauricio Kuri, und sein Amtkollege aus Jalisco, Enrique Alfaro Ramírez, schlossen dies am Sonntag kategorisch aus.

Auch ohne Tote ist der 5. März ein schwarzer Tag für den mexikanischen Fußball und den nationalen Fußball-Bund (Federación Mexicana de Fútbol), die erschütternden Bilder und Videos gingen um die Welt und viral in den sozialen Medien. „Erschießung bei einer Beerdigung. Massaker in Zacatecas. Tote bei einem Fußballspiel. WAS ZUM TEUFEL IST LOS MIT DEN MENSCHEN IN UNSEREM LAND?“, fragt sich ein Facebook-Nutzer. „Als Land sind wir zum Kotzen“, „Unsere Gesellschaft ist verfault“, „Die Ukrainer schließen sich im Krieg zusammen und Mexiko spaltet sich und seine eigenen Leute bekriegen sich“, schreiben andere. Konsens: Mexiko sollte sich schämen.

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Ausgegangen war die Massenschlägerei von Fans des heimischen Fußball-Clubs in der zweiten Halbzeit, in der 62. Minute. Atlas lag mit einem Tor in Führung. Beleidigungen seitens der Zuschauer aus Jalisco brachten die Fans aus Querétaro so in Rage, dass sie Absperrgitter zwischen den Rängen und Fan-Bereichen eintraten oder einfach darüber sprangen und in unermesslicher Wut auf die Besucher aus Guadalajara losgingen, völlig entfesselt und ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder. Zahlreiche Zuschauer flüchteten aufs Spielfeld, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Lage geriet außer Kontrolle, das Spiel wurde unterbrochen, die beiden Mannschaften verschwanden in ihre Kabinen. Ordner und Polizei griffen nicht ein. Auf Bildern sind untätige Polizisten zu sehen, einer telefoniert. Es herrschte ein fürchterliches Chaos. „Das Video, das man nicht will, dass du es siehst” ist der Titel eineram Sonntag über Twitter verbreiteten Aufnahme, die den Anfang der Schlägerei zeigt:

Organisierte Kriminalität im Spiel?

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Am Tag nach der Tragödie werden Verantwortliche gesucht. Warum gab es nicht genügend Polizisten und Ordner im Stadion? Warum wurde zugelassen, dass die gegnerischen Fans nicht weit genug voneinander platziert waren, ohne ausreichenden Schutz zwischen den Rängen und Fanbereichen? Es war nicht das erste Mal, dass Fans der beiden Fußball-Clubs aufeinander losgingen. Man hätte es besser wissen müssen.

Und gab es wirklich keine Tote? Selbst die namhaftesten mexikanischen Sportreporter wollen es den Gouverneuren nicht abnehmen, dass es nur Verletzte gegeben habe. „Kommt uns nicht mit Lügen, dass niemand gestorben ist, oder erst in den Krankenhäusern. In jedem Fall sind die Autoritäten und der Club Querétaro dafür verantwortlich. Gefängnis für die Kriminellen!“, schrieb der TV-Sportreporter Enrique Bermúdez. Eine Zuschauerin schrieb auf seinem Twitter-Account von mindestens 50 Toten und 100 Verletzten zwischen den Rängen. „Lügt nicht!“ In einem Video wird ein Junge interviewt, der ebenfalls von mehreren Toten spricht:

 

José Ramón Fernández vom Sportportal ESPN meinte sogar, dass die Gewalt geplant war. „Es lässt sich nicht verbergen, dass die meisten Ränge im mexikanischen Fußball vom organisierten Verbrechen infiltriert sind, von Leuten, die auf jeden Fall bereit sind, zu handeln, und deren Erfolgsbilanz darin besteht, Menschen zu töten. Die Clubbesitzer wissen das und sollten dieses Thema sehr ernst nehmen“, warnte der renommierte Sportjournalist.

Gouverneur Mauricio Kuri hat zwar bisher keine Toten bestätigt, aber seine Worte gegen die „feigen Täter“, die „Kriminellen“ waren deutlich: Wir kriegen euch, egal, wo ihr euch versteckt. Wir kriegen Euch!“ Alle technischen Möglichkeiten sollen genutzt und die Aufnahmen der Schlägerei ausgewertet werden, um die Täter dingfest zu machen. Sie sollen wegen versuchten Mordes zur Rechenschaft gezogen werden. Derweil haben sich zahlreiche Fans, die im Stadion anwesend waren, daran gemacht, die Fotos von Tätern, die sie mit ihrem Telefon aufgenommen haben, über Facebook zu verbreiten.

Keine auswärtigen Fans mehr bei Heimspielen

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Der Präsident der mexikanischen Fußball-Liga, Liga MX, Mikel Arreola, reagierte entsetzt auf die Gewalt im Stadion von Querétaro. „Die Gewalt im Corregidora-Stadion ist inakzeptabel und bedauerlich. Diejenigen, die für die mangelnde Sicherheit im Stadion verantwortlich sind, werden in exemplarischer Weise bestraft werden. Die Sicherheit unserer Spieler und Fans hat Priorität! Wir werden Sie weiterhin auf dem Laufenden halten”, erklärte er in seinen sozialen Netzwerken. Arreola schloss am Sonntag nicht mehr aus, dass der Fußball-Club von Querétaro aus der Ersten Division ausgeschlossen wird und verfügte als erste Maßnahme, dass in Zukunft bei Heimspielen, egal wo im Land, keine auswärtigen Fans mehr anreisen und in die Stadien dürfen – eine harte Sanktion, die auch die friedlichen Fans hart treffen wird.

Auch die FIFA reagierte mit Entsetzen auf die überbordende Gewalt im legendären Stadion La Corregidora in Querétaro, wo bei der WM 1986 die deutsche Nationalmannschaft spielte. In einer Botschaft forderte Fifa-Präsident Gianni Infantino die zuständigen Behörden auf, so schnell wie möglich für Strafverfolgung zu sorgen. „Die FIFA schließt sich dem mexikanischen Fußballverband und der CONCACAF (Konföderation der Fußballverbände Nord- und Mittelamerikas sowie der Karibik, Anm. d. Red.) an und verurteilt diesen verabscheuungswürdigen Vorfall und ermutigt die örtlichen Behörden, die Verantwortlichen rasch vor Gericht zu stellen. Unsere Gedanken sind bei all jenen, die unter den Folgen der Katastrophe gelitten haben.” Gewalt habe im Fußball keinen Platz. „Wir werden weiterhin mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um sie aus unserem Sport zu verbannen“, schloss Infantino. (dmz/hl)

Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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