Connect with us

Panorama

Mexiko am Frauentag: Über 100.000 demonstrieren gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Published

on

Die Farbe Lila: Frauen ziehen vom Unabhängigkeitsdenkmal zum Zócalo in Mexiko-Stadt. (Foto: Screenshot/Forbes)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 9. März 2022 – Weit über 100.000 Frauen haben am Internationalen Frauentag am Dienstag in zahlreichen Städten in ganz Mexiko gegen geschlechtsspezifische Gewalt demonstriert. Allein in Mexiko-Stadt gingen nach Schätzungen mehr als 75.000 Frauen auf die Straße, um Verbrechen wie Femizid und Vergewaltigung anzuprangern. Zudem würden Täter häufig nicht verfolgt und zur Rechenschaft gezogen.

Demonstriert wurde in 20 Bundesländern und selbst in Vorstädten wie im für Frauen besonders gefährlichen Ecatepec, das zum Estado de México gehört aber im dichtbesiedelten Speckgürtel von Mexiko-Stadt liegt. Die größten Demonstrationen wurden nach Mexiko-Stadt mit jeweils rund 10.000 Teilnehmerinnen in San Luis Potosí und Guadalajara (Jalisco) organisiert, aber auch in Morelia (Michoacán), Puebla, León (Guanajuato), Veracruz, Cuernavaca, Mérida, Oaxaca und Zacatecas, gingen Tausende Frauen auf die Straße, um gegen Gewalt und Straflosigkeit zu protestieren.

Advertisement

In Touristenstädten wie Cancún an der Karibikküste demonstrierten Frauen gegen die Gewalt im Bundesstaat Quintana Roo, die den Tourismus bedrohe; in Los Cabos in Baja California Sur prangerten weibliche Hotelangestellte sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz an. In Hermosillo (Sonora) forderten Tausende von Demonstranten Gerechtigkeit für die Opfer von Gewalt, wie zum Beispiel für Marisol Cuadras, eine 18-jährige Frau, die im November letzten Jahres bei einer Demonstration gegen geschlechtsspezifische Gewalt vor dem Stadtpalast von Guaymas getötet wurde. Probleme mit radikalen Feministinnen gab es in mehreren Städten.

Blumen und Umarmungen für Polizistinnen

In Mexiko-Stadt hatten sich die Frauen am Dienstagnachmittag am Unabhängigkeitsengel am Paseo de la Reforma und am Revolutionsdenkmal versammelt, von wo aus sie zum Zócalo marschierten. Viele trugen lila Tücher um den Hals oder Mützen auf dem Kopf und trugen Schilder und Transparente in Lila in die Höhe, die zusammen mit den lila blühenden Jacarandas ein beeindruckendes Bild formten. „Es war eine unglaubliche Energie zu spüren“, berichtete der deutsche Student Max der Deutschen Mexiko-Zeitung. Bereits am Tag vorher wurden die großen Monumente entlang der Marschroute teilweise durch hohe Holzwände und der Nationalpalast sogar durch schwere Eisenplatten abgesperrt. Viele Medien sprachen von einer „ummauerten Stadt“.

Die Frauen, unter die sich auch ein paar Männer gemischt hatten, skandierten Slogans gegen Gewalt und für Gerechtigkeit und trugen Plakate mit Botschaften wie „Wir wollen leben” und „Gemeinsam, frei und ohne Angst”. Begleitet wurden die Züge von Polizistinnen, die beim Vorbeiziehen beklatscht wurden. Einige Demonstrantinnen reichten ihnen Blumen in Anerkennung ihrer Arbeit, andere umarmten sie spontan.

Advertisement

Auf dem Eje Central, der das historische Zentrum der Hauptstadt vom Paseo de la Reforma und der Avenida Juárez teilt, rief eine Polizeikommandantin ihre Untergebenen sogar auf, sich dem Marsch in Solidarität mit den protestierenden Frauen anzuschließen – die Resonanz war überwältigend, berichtete die Tageszeitung „Milenio“.

Schwarzer Block: Gewalt mit Hämmern, Meißeln und Stöcken  

Im Großen und Ganzen verliefen die Protestmärsche friedlich. Wie auch in den Vorjahren hatten sich jedoch auch radikale Gruppen unter die Demonstranten gemischt, die, mit Hämmern, Rohren, Meißeln, Fackeln, Stöcken und Farben bewaffnet, randalierten und vandalierten. Frauen des radikalen „Schwarzen Blocks“ (bloque negro) kamen zwar nicht an die großen Denkmaler ran, aber einige Statuen am Rand des Wegs wurden umgehauen, mit Farbe beschmiert oder mit Hammer und Meißel traktiert. Sie schafften es sogar, eine fast 40 Meter hohe Ampel umzuwerfen.

An der Metrostation Hidalgo kam dann eine böse Überraschung für einige der radikalen Feministinnen: Sie randalierten dort so heftig, dass ein Glasdach nachgab, einstürzte und zwei von ihnen unter sich begrub. Verletzt wurden sie von Rettungssanitätern in Krankenhäuser gebracht. Eine Polizistin sei mit einem Eispickel angegriffen worden, berichtet die Tageszeitung „El Universal“ am Mittwoch. Insgesamt 40 Demonstranten seien während des Marsches verletzt worden.

Advertisement

In der Fußgängerstraße Av. Madero schützten Polizisten Geschäfte; am abgeriegelten Nationalpalast hauten Radikale mit Hämmern auf die Eisenplatten, hinter denen Polizisten der Nationalgarde postiert waren, die Pfefferspray durch die Ritzen sprühten, erzählt Max. Auch soll mit Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen worden sein, was die Stadtverwaltung jedoch zurückgewiesen hat.

In Guadalajara marschierten unter den Demonstranten auch Familienangehörige von Opfern von Entführungen und Frauenmorden. An der Universität von Guadalajara vandalierten radikale Feministinnen, In Monterrey drangen sie am Ende eines Marsches in den Regierungspalast von Nuevo León ein, verwüsteten dessen Inneneinrichtung und setzten Fenster und Türen in Brand.

Gouverneur Samuel García erklärte in sozialen Medien, er verstehe die Wut der Frauen, „aber in diesem Palast sind wir nicht eure Feinde, wir sind eure Verbündeten. Hier müsst ihr keine Türen einschlagen oder verbrennen, weil die Türen für euch offen sind”, schrieb er.

In Morelia wurden am Ende des Marsches mindestens acht Frauen festgenommen, und in den sozialen Medien veröffentlichte Videos zeigten, wie die Polizei einige von ihnen schlug. In Hermosillo forderten Tausende von Demonstranten Gerechtigkeit für die Opfer von Gewalt, darunter Marisol Cuadras, eine 18-jährige Frau, die im November letzten Jahres bei einer Demonstration gegen geschlechtsspezifische Gewalt vor dem Stadtpalast von Guaymas getötet wurde. In Oaxaca-Stadt wurden während eines Marsches Büros der nationalen Statistikbehörde INEGI und des Frauenministeriums verwüstet und geplündert und über 90 Geschäfte und Wohnungen beschädigt.

Advertisement

Präsident kritisiert Berichterstattung

Am Tag danach ging der linksnationale Präsident Andrés Manuel López Obrador in seiner morgendlichen Pressekonferenz wieder gegen einige Medien vor. Dieses Mal hatte er Azuzena Uresti auf dem Kieker, die live von der Demonstration in Mexiko-Stadt für Milenio TV berichtete und sich dabei über die „ummauerte Stadt“ mokierte. López Obrador machte sich lustig über ihre Kritik und sagte lachend, die „Mauern“ seien für ihren Schutz da. „Es ist klar, dass sie uns nicht liebt, also benutzt sie alles, was sie in die Finger bekommt. Das ist das, was wir täglich erleiden, und es ist generell so”, sagte López Obrador. Er fügte hinzu, Azucena Uresti sei „wie López-Dóriga, wie Ciro Gómez Leyva, wie Carlos Loret de Mola und internationale Medien wie die Washington Post, die New York Times, das Wall Street Journal, die Financial Times und El País“. Diese verteidigten „Besitzstandsgruppen” und seien gegen seine Regierung, die die Korruption bekämpfen und den Armen helfen wolle. Er habe Erfahrung darin, „wie man dem Konservatismus entgegentritt, der möchte, dass wir es schlecht machen”. (dmz/hl)

Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

Continue Reading
Advertisement