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Panorama

Mexiko-Stadt: Abgesang auf eine Palme

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Die berühmte Palme, die dem Rundverkehr ihren Namen gab und und über 100 Jahre den Paseo de la Reforma prägte. (Foto: Roberto Hernández / El Sol de México)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 25. April 2022 – Sie war für Generationen von Mexikanern ein Treffpunkt, ein Wahrzeichen. Hier traten Berühmtheiten wie Plácido Domingo bei Open-Air-Konzerten auf, gingen Veranstaltungen im Rahmen des Internationalen Festivals der Kulturen über die Bühne. Sie gibt sogar einer Halstestelle den Namen: Die Palme (La Palma) an der Kreuzung des berühmten Prachtboulevards Paseo de La Reforma und Insurgentes in Mexiko-Stadt.

Vor 122 Jahren wurde sie dort gepflanzt. Nun hat ein Pilz der betagten Dame den Garaus gemacht. Am Wochenende wurde sie von Experten der Stadtverwaltung fachmännisch abgetragen und abtransportiert. Der Stamm soll untersucht werden, ob Teile nicht doch noch zu retten sind. Aus dem Stamm soll eine oder mehrere Skulpturen gefertigt und später ausgestellt werden, teilte die Gouverneurin und Bürgermeisterin der mexikanischen Hauptstadt, Claudia Sheinbaum (Morena) mit. Wo, steht noch nicht fest.

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Etwa hundert „Chilangos“, wie sich die Hauptstädter nennen, haben der Palme den ganzen Sonntag lang eine Art Abschiedsfeier bereitet, mit Musik, Tanz und hier und da auch Protesten, wie die Stadt es denn habe so weit kommen lassen, dass die berühmte Palme sterbenskrank und abgesägt werden musste. Sie warfen der Stadtverwaltung vor allem unzureichende Pflege vor.

Dabei hat die Palme im Laufe ihres Lebens viel ausgehalten: Mehrere Erdbeben und vor allem unsägliche Mengen an giftigen Emissionen durch den starken Autoverkehr in der Stadt. Kein Wunder, dass sie krank wurde. Hinzu kommt, dass die Höhe der Stadt von 2240 m. ü. d. M. und die Bodenbeschaffenheit für Palmen nicht geeignet und sie deshalb hier auch nicht heimisch sind.  Nun haben die Hauptstädter bis zum 1. Mai noch Zeit, über einen neuen Baum abzustimmen: Eine Jacaranda, die einst von einem Japaner eingeführt wurde, einen Ahuehuete-Baum, einem heimischen sehr robusten Laubbaum, oder eine Ceiba, dem heiligen Baum der Maya, die im Südosten Mexikos beheimatet ist, unter anderem in Tabasco, woher Präsident Andrés Manuel López Obrador stammt.

Der Paseo de la Reforma ist der Prachtboulevard der Hauptstadt. Die ursprünglich insgesamt 17 Kilometer lange Allee wurde um 1864/65 von Kaiser Maximilian als „Paseo de la Emperatriz“ (Boulevard der Kaiserin) als direkte Verbindung angelegt zwischen dem Chapultepec-Schloss auf dem Hügel im gleichnamigen Park und dem damaligen Kaiserpalast und heutigem Nationalpalast an der „Plaza de la Constitución“ (Platz der Verfassung), im Volksmund „Zócalo“ genannt. Zu der Zeit wurden entlang der Prachtstraße wunderbare Spazierwege und Gärten im europäischen Stil angelegt. Zwischen 1872 und 1876, wurden unter der Regierung von Sebastián Lerdo de Tejada vier Kreisverkehre mit einheimischen Blumen errichtet.

Der den Champs Elysées in Paris nachempfundene Stil des Paseo de la Reforma ist jedoch dem über 30 Jahre regierenden und bei vielen Mexikanern immer noch umstrittenen Präsidenten Porfirio Díaz zu verdanken, der nach dem Ausbruch der Revolution (1910-1914) nach Frankreich emigrierte, wo er 1915 starb. Porfirio Díaz modernisierte Mexiko, brachte ihm die Eisenbahn und die Industrialisierung. In Mexiko-Stadt sind viele der prachtvollen Bauten wie der Palast der Schönen Künste, die Hauptpost und zahlreiche Jugendstil- und Art-Deco-Villen nach französischem Vorbild auf ihn zurückzuführen. Auch das Unabhängigkeitsdenkmal am zweiten Rundverkehr ließ Porfirio Díaz errichten, das er selbst zum 100. Jahrestag des Aufrufs zum Kampf für die Unabhängigkeit errichten ließ und am 16. September 1910 noch einweihte.

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Die berühmte Palme auf dem dritten Kreisverkehr wurde etwa zehn Jahre später gepflanzt, das erste Foto von ihr stammt aus dem Jahr 1920, damals war sie noch ziemlich klein. Aber sie wuchs und wuchs, am Ende war sie 22 Meter hoch. Sie wurde für Generationen von Mexikanern zu einem Teil der Stadt; es war einfach nicht vorstellbar, dass sie eines Tages nicht mehr da sein sollte. Und jetzt ist es aus und vorbei mit „Wir sehen uns an der Glorieta de la Palma”. (dmz/hl)

Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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