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Panorama

Slapstick auf der Autobahn: In Mexiko geht das!

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Das Beste aus dem Mega-Stau machen: Slapstick und Tanzeinlage (Sreenshot)

Das Gesetz der „Sitten und Gebräuche“ der Orte mit indigenen Wurzeln in Mexiko kann alles lahmlegen, wenn es darum geht, von den Autoritäten etwas zu erzwingen. Die fast 12 Stunden dauernde Blockade der Autobahn zwischen Mexiko-Stadt und Cuernavaca an diesem Mittwoch zeigte – nicht zum ersten Mal, aber dafür ziemlich krass – wozu ein paar ihrer Bewohner in der Lage sind. Und die Polizei konnte nichts ausrichten. Dabei kann man sogar Spaß haben.

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 5. Mai 2022 – Wir kamen an diesem Mittwochnachmittag aus Cuernavaca und wollten nach Mexiko-Stadt. Es gab keinen Verkehr, um kurz nach 16 Uhr waren wir – meine beiden BlaBlaCar-Passagiere und ich – auf der Autobahn.  Wir waren pünktlich um 16 Uhr weggekommen und sollten bis spätestens 18 Uhr im Stadtteil Hipódromo-Condesa sein. Eigentlich kein Problem. Aber nur wenige Kilometer vor der Mautstelle Tlaplan, um kurz vor 17 Uhr, ging plötzlich nichts mehr. Auf der Gegenspur war alles leer. Gab es einen Unfall? Kein Hinweis bei Waze und mein Checo Pérez (bzw. seine Stimme) war sprachlos.

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Schnell waren wir nicht mehr das letzte Auto in der Schlange. Rechts neben uns standen drei Tankwagen von Pemex, eskortiert von zwei Patrouillen der Guardia Nacional. „Das ist wegen der Huicholeros“, den Benzindieben, berichtet uns ein Chauffeur, der so freundlich war, mir eine Flasche Wasser zu spendieren. Während Waze und Google Maps gefühlte Ewigkeiten brauchten, um den Stau zu melden, waren die Nachrichtensender und die Betreiber der Autobahn – Capufe – etwas schneller und informierten über Twitter über die Vollsperrung. Und schließlich kam uns auf der Standspur ein Wagen der Capufe entgegen: „Manifestación“. Das bedeutete Blockade und ließ nichts Gutes ahnen. Erst nach und nach erfuhren wir, was der Grund dafür war.

Das Gesetz der Indigenen Orte beziehungsweise Völker (Ley de los Pueblos Indígenas) oder „Gesetz der Sitten und Gebräuche“ (Ley de Usos y Costumbres) hatte jeden, der in oder aus der Hauptstadt raus wollte, unter ihrem Joch. Und die Bewohner des Vororts Topilejo sind mit ihren indigenen Wurzeln so verwachsen, dass sie sich beim kleinsten Problem mit Autoritäten auf ihr Gesetz der „Usos y Costumbres“ berufen und keine Mittel scheuen, dies auch umzusetzen. Das gilt auch für Topilejo und Huitzilac, einem Ort, der ebenfalls an der Autobahn, aber nahe Cuernavaca im Bundesstaat Morelos liegt. Vor sechs Wochen hatten die Bewohner von Huitzilac die Autobahn stundenlang in beide Richtungen blockiert.

Polizei machtlos

In Topilejo geht derzeit das jährliche Fest ihres Ortspatrons über die Bühne auf dem Festplatz, wo Musikgruppen zum Tanz aufspielen. Noch bevor die Kirmes am späteren Nachmittag wieder losgehen sollte, kamen zwei Männer auf die Idee, die Soundanlage auf der Bühne zu klauen – und wurden in flagranti von einigen Bewohnern erwischt. Kurzerhand trommelten sie andere zusammen, um die beiden ihrer gerechten Strafe zuzuführen, das heißt, sie wollten sie lynchen. Kräfte der herbeigerufenen Polizei versuchten, die beiden vor dem wütenden Mob zu retten.

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Verstärkung wurde gerufen, es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern. Am Ende gab es nach Mitteilung der Behörden sechs Verletzte Polizisten und eine demolierte Patrouille und die beiden mutmaßlichen Diebe und acht Bewohner, die die Beamten angegriffen hatten, wurden schließlich festgenommen und zur Wache gebracht.

Damit sollte es eigentlich gut sein. Aber weit gefehlt. Nun wurden die Bewohner erstrecht wütend und begannen, die Autobahn mit einem quergestellten Lkw und angezündeten Reifen zu blockieren, um die Freilassung ihrer acht Nachbarn und die „Rückgabe“ der mutmaßlichen Diebe zu erzwingen.

Warum löst die Polizei die Blockade nicht auf? „Es gibt eine klare Anweisung von unserem Präsidenten, dass immer versucht werden muss, eine Demonstration mit friedlichen Mitteln aufzulösen. Die Menschenrechte werden streng geachtet, niemand darf auch nur angefasst werden!“, belehrt mich meine Mitfahrerin Yanis, die als Journalistin beim Militär arbeitet. Auch das „Gesetz der Sitten und Gebräuche“ werde überall respektiert. „Und wie ist es mit der Gewalt gegen Frauen, dem Verkauf und Zwangsverheiratung von Mädchen in Guerrero und Oaxaca? Oder bei Mord?“ Darauf gab es keine Antwort.

Slapstick im Stau – Mexikos liebenswerte Seite

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Mein anderer Mitfahrer und „Co-Pilot“ Josué, ein sympathischer Choreograph und Tanzlehrer aus Cuernavaca, hatte sich mit Yanis auf den Weg gemacht, um mehr herauszufinden und eine zu rauchen. Dafür mussten sie ein wenig laufen, um sich von den leeren Tankwagen zu entfernen. „Wieso sind die gefährlicher, wenn sie leer sind?“ „Da kann Gas entweichen und pummm! kann alles in die Luft fliegen!“, erklärte uns lachend unser Tankwagen-Nachbar Saúl. Mir blieb nichts anderes übrig, als das etwas mulmig mit „ah, ok!“ zur Kenntnis zu nehmen und die beiden weiter nach vorne zu schicken.

Noch in Sichtweite, begann etwas, was Mexiko so liebenswert macht. Ein paar Leute waren bereits ausgestiegen und palaverten auf der Fahrbahn zwischen den stehenden Fahrzeugen. Was macht unser Tanzlehrer? Er studiert mit den Leuten eine kleine Tanznummer und einen Slapstick ein und versucht sich als Reporter! So kann ein Stau auch lustig sein! Zwar hatte ich im Chat mit Bekannten auf Facebook im Verlauf der Staustunden gelernt, dass es solche Autobahn-Blockaden auch in Deutschland und der Schweiz gibt. Aber Tanzen und Spaß haben? Bestimmt nicht!

Die Fahrzeuge stauten sich bereits kilometerweit, bis fast nach Tres Marías. In Mexiko-Stadt war alles Richtung Süden hoffnungslos verstopft: Periférico, Calzada de Tlalpan, Viaducto Tlalpan, Insurgentes Sur. Für diese Menschen dürfte das nicht lustig gewesen sein. Einige ungeduldige Fahrer auf unserer Fahrbahn hatten gewendet, um über den Standstreifen zurückzufahren, was das Chaos zeitweise noch schlimmer machte.

Das Gesetz der Sitten und Gebräuche – Freibrief für alles?

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Warum löst die Polizei die Blockade nicht auf? „Es gibt eine klare Anweisung von unserem Präsidenten, dass immer versucht werden muss, eine Demonstration mit friedlichen Mitteln aufzulösen. Die Menschenrechte werden streng geachtet, niemand darf auch nur angefasst werden!“, belehrt mich Yanis. Auch das „Gesetz der Sitten und Gebräuche“ werde überall respektiert. „Und wie ist es mit der Gewalt gegen Frauen, dem Verkauf und Zwangsverheiratung von Mädchen in Guerrero und Oaxaca? Oder bei Mord?“ Darauf herrschte auch bei meinen beiden Mitfahrern Schweigen.

Die Methode der Polizei, um nach Stunden im Stau wenigstens die Autofahrer zurück nach Cuernavaca zu lotsen, war genial. Nach etwa drei bis vier Stunden kamen ein Mann und eine Frau der Guardia Nacional durch die Gasse zwischen den Wartenden gelaufen und erklärten, dass weiter hinten der Mittelstreifen geöffnet werden solle. Wir sollten in Ruhe warten. Und das war ihr Prinzip: Von Topilejo und von Tres Marías aus dirigierten Kräfte der Polizei die Trucks und die Busse an die Ränder, um so eine Mittelgasse zu schaffen. Irgendwann konnten auch wir wenden und uns durch die enge (schweißtreibende) Mitte schlängeln. Kurz vor Parres wurden wir auf die richtige Fahrbahn gelenkt und konnten wieder Richtung Cuernavaca fahren. Wir hatten einen Bärenhunger und dachten, wir könnten in Tres Marías Tacos essen – aber nix da. Alles war schon dicht.

Auf der Gegenfahrbahn staute sich der Verkehr bis fast nach Cuernavaca, von Tres Marías bis Topilejo reihte sich ein Lkw und Bus an den anderen, und von Cuernavaca nach Tres Marías waren noch unzählige Pkw dazwischen. Wir kamen dagegen ohne Zwischenfälle durch. Um 21:15 Uhr war ich wieder da, wo ich um 16 Uhr losgefahren war: zuhause. Endlich ein Bier!

Erst kurz vor drei Uhr in der Früh verließen die „Widerstandskämpfer von Topilejo“, wohl selbst müde geworden, ihre Blockade. In einem Reisebus, der am Morgen in Acapulco losgefahren und kurz vor Topilejo zum Stehen gekommen war, saß eine Bekannte. Sie kam um vier Uhr am Busbahnhof in Taxqueña an. Die anderen, die 40 Kilometer und weiter weg standen, irgendwann im Laufe des Morgens. Die acht Festgenommenen aus Topilejpo wurden freigelassen, wie im Laufe des Donnerstags von der Gouverneurion von Mexiko_Stadt, Claudia Sheinbaum, bekannt gegeben wurde.

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So ist das in Mexiko mit dem Gesetz der Indigenen Völker. Apropos Autobahn-Blockade: Am Donnerstag nachmittag wurde die Autobahn zwischen Puebla und Mexiko-Stadt in beide Fahrtrichtungen in Höhe des Orts von El Río blockiert. Grund: Die Bewohner protestierten, weil ein Junge entführt wurde. (dmz/hl)

PS: Zensur bei Facebook

Facebook hat die Autorin wegen ihres Kommentars in der Antwort auf eine Frage, was denn der Grund für die Proteste und die Blockade war, gesperrt. Bei Facebook darf man das Wort „lynchen“ nicht benutzen.

 

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Die Hamburgerin Herdis Lüke hat die Deutsche Mexiko-Zeitung 2011 wieder gegründet. Die erste DMZ wurde 1976 von ihrem Landsmann Klaus Ellrodt ins Leben gerufen und nach ein paar Monaten wieder begraben. Herdis Lüke ist Vollblut-Journalistin, in Deutschland ausgebildet und mit Stationen in Düsseldorf, Mexiko-Stadt – u. A. bei der Tageszeitung Excélsior -, danach Hamburg, wo sie mehrere Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur tätig war, und seit 2006 wieder Mexiko. 2011 hat sie ihren Traum erfüllt und die zweite Deutsche Mexiko-Zeitung aus der Taufe gehoben. Als freie Journalistin hat sie für mehrere Medien in Deutschland geschrieben und ist Autorin mehrerer Bücher, darunter ein Premium-Mexiko-Reiseführer. Auf sie ist das erste Online-Reisemagazin über Mexiko für den deutschsprachigen Markt zurückzuführen (2001), die Mexiko-Travelnews (bis 2013).

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